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Die Zukunft unter KI – man kann auch pessimistisch sein

Im ZEIT Magazin (Ausgabe 28/2026) durften zehn KI-Experten beschreiben, wie sie die Welt in einem, in fünf und in zehn Jahren sehen. Auf einer Skala von eins (sehr besorgt) bis zehn (sehr optimistisch) kam keiner unter fünf. Ob man seitens der ZEIT keinen Pessimisten finden konnte oder wollte, ist dem Autor nicht bekannt (man hätte z. B. hier suchen können). Auch er kann nicht in die Zukunft blicken, findet aber, es sollte der Vollständigkeit halber auch ein ungünstiges Szenario beschrieben werden. Hier folgt es.

 

In einem Jahr

Die Veränderung vollzieht sich noch weitgehend unbemerkt. Während in Europa Verwaltungen und Konzerne gerade dabei sind, Regelungen für die Verwendung von Chatbots bei der Beantwortung von E-Mails zu formulieren, werden in den USA und China immer mehr Stellen durch KI-Systeme und in wachsendem Maß auch durch Drohnen und Roboter ersetzt. Lagerhallen, Transportwege, Einzelhandel funktionieren immer öfter ohne menschliches Personal. Reinigungskräfte, einige Bauarbeiten, ein Teil der Arbeit von Pflegekräften und sehr viel, was bisher von Menschen vor einem Bildschirm erledigt wurde, wird von Automaten erledigt. Dies bringt kurzfristige wirtschaftliche Vorteile, was die europäische Industrie weiter in Bedrängnis bringt.
Immer mehr Menschen werden Opfer von ausgeklügelter Cyberkriminalität, die auf hochpersonalisiertes Phishing, Fake-Stimmen, Fake-Bilder, Fake-Videos und das geschickte Zusammenführen legal wie illegal erworbener Daten setzt. KI-Hacker können anhand von Sicherheitspatches die Sicherheitslücken in kürzester Zeit „reverse engineeren“ und ausnutzen, bevor die Patches flächendeckend installiert sind. Der volkswirtschaftliche Schaden ist enorm.
Das Vertrauen in die etablierten Medien sinkt weiter, nachdem es zu mehreren Skandalen kam, bei denen renommierte Medienhäuser auf ausgeklügelte, KI-gesteuerte Desinformationskampagnen hereingefallen sind. Die Spaltung der Gesellschaft in Echokammern verstärkt sich, weil Chatbots gezielt in Diskussionen eingreifen und nicht nur besser argumentieren als die meisten Teilnehmer, sondern ihre Antworten gezielt an ihr Publikum anpassen. Darüber hinaus entsteht eine Vielzahl von Privatchats, die nicht mehr zum Ziel haben, die Opfer auf Pornoseiten zu locken, sondern glaubwürdig Gespräche mit echten Menschen imitieren, um politisch Einfluss zu nehmen. Bald hat jeder empfängliche Facebook-User einen guten Freund, mit täuschend echt wirkenden Profilbildern und einer glaubwürdigen Lebensgeschichte, der wirklich nett zu ihm ist und ihm nebenher die Welt erklärt.
In den aktuellen Krisenherden wird die Überlegenheit KI-gestützter Militärtechnik unter Beweis gestellt, keine Seite sieht sich in der Lage, im laufenden Konflikt auf diesen Vorteil zu verzichten, weswegen eine öffentliche Diskussion der Gefahren nicht befördert wird.
Startups machen mit Hilfe von KI großartige Erfindungen. Diese werden durch die Tech-Giganten innerhalb kürzester Zeit aufgekauft, was eine weitere Zentralisierung der möglichen wirtschaftlichen Gewinne durch KI führt. Darüber hinaus gibt es einen Patentkrieg um denkbare zukünftige Entwicklungen, bei dem KI-gestützt massenhaft potentielle Patente durch diejenigen angemeldet werden, die dies finanziell stemmen können.

 

In fünf Jahren

Es kam zu schwerwiegenden wirtschaftlichen Verwerfungen insbesondere in Europa und den Entwicklungsländern. Die Massenarbeitslosigkeit in den USA wird vorübergehend durch gleichzeitige wirtschaftliche Erfolge maskiert, hat aber die gesellschaftliche Spaltung dort noch weiter vorangetrieben. Europäische Staaten haben massenhaft Kredite aufgenommen, um die überforderten Sozialsysteme zu stützen, die Kreditwürdigkeit bröckelt. Die traditionelle europäische Industrie kann gegen die KI-gestützten Innovationen und die vollautomatisierten Fertigungsstraßen in China nicht bestehen. Mittelständische Unternehmen, Handwerker und ähnliche eher lokal und körperlich arbeitende Menschen werden zwar noch gebraucht, sehen aber, dass in den höherentwickelten Ländern bereits hochspezialisierte Roboter Fliesen legen, Autos reparieren und Wunden verbinden.
Schwerwiegende Cyberangriffe mit mutmaßlichem Ursprung in Russland und Iran haben mehrere Katastrophen durch Mega-Blackouts verursacht. Zugleich haben Extremwetterereignisse weiter zugenommen. Die gewaltigen Rechenzentren für die KIs verbrauchen massenhaft Wasser und Energie. Die UNO hat mit Hilfe von KI einen perfekten Plan zur Beendigung der Klimakatastrophe entwickelt. Es lässt sich aber kein politischer Konsens erreichen, ihn umzusetzen. Das gleiche gilt für KI-Militärtechnik und Schutzmaßnahmen gegen eine ASI (künstliche Superintelligenz).
Mehrere europäische Demokratien sind in die Hände von Rechtsradikalen gefallen, teilweise in die von prorussischen Querfronten aus Rechts und Links. Mehrere Staaten haben die EU verlassen. Der Rest der EU ist näher zusammengerückt, betreibt aber nur Schadensbegrenzung.
Ein unabhängiges Internet existiert fast nicht mehr. Zwar kann man unabhängige Suchmaschinen benutzen und unabhängig betriebene Seiten darüber finden, 90% des Internettraffics geht aber durch die Hände der großen Techkonzerne, kaum jemand macht sich die Mühe, andere Wege zu nutzen, zumal man dann erst recht nicht mehr weiß, woran man ist. Alles könnte fake sein. Googlen heißt nicht mehr, eine Seite suchen, sondern mit Gemini kommunizieren. Ohnehin sind KI-Assistenten dauerhafte Begleiter, die uns im Alltag unglaublich viel Arbeit (und Denken) abnehmen, die aber auch subtil kontrollieren, was wir hören, sehen und tun.

 

In zehn Jahren

Die großen Demokratien sind zu autoritär geführten Failed States geworden. In den USA herrscht eine Milliardärskaste über ein von Armut verwüstetes Land, die wirtschaftlichen Gewinner leben in Gated Communities, die Verlierer werden von Polizei-Bots in Schach gehalten. China hat Taiwan besetzt und damit die Kontrolle über wichtige Teile der Chip-Produktion gewonnen. Da diese der wichtigste Machtfaktor ist, haben die USA in den Krieg eingegriffen. Die Spaltung der EU in russlandfreundliche und -feindliche Nationen hat zu Krieg innerhalb Europas geführt. Auch im Nahen Osten herrscht Krieg. Niemand hat in dieser Situation Zurückhaltung bei der Entwicklung von KI-Militärtechnik üben können. Autonome Systeme und größere Vernichtungskraft von Waffen wurden KI-gestützt vorangetrieben. Die automatisierten Drohnen, Panzer und Roboter brauchen und erhalten keine menschliche Aufsicht. Die Vernichtung ist grenzenlos. Aufgrund ihrer machtpolitischen Bedeutung werden insbesondere auch die Rechenzentren ins Visier genommen. Dies setzt der entfesselten KI-Entwicklung ein überraschendes Ende. Die Menschheit überlebt knapp.

Auf einer Skala von 1 (sehr besorgt) bis 10 (sehr optimistisch): Wie blicken Sie heute in die Zukunft?

Drei. In unserem Szenario gab es wenigstens keine Superintelligenz.

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