
Mehr Antisemitismus wagen!
Berlin hat gewählt. Die Linke hat gewonnen. 25,7 Prozent. Mit deutlichem Abstand stärkste Kraft. Das kann man nun beklagen. Man kann warnen. Man kann sich fragen, wie es so weit kommen konnte. Man könnte allerdings auch etwas wesentlich Demokratischeres tun: den Wähler ernst nehmen.
Denn Wahlergebnisse sind keine Einbahnstraße. Wenn eine Partei ein Viertel der Stimmen erhält, wird sie offenbar etwas richtig gemacht haben. Es wäre geradezu arrogant, ihre Positionen nun einfach deshalb abzulehnen, weil man sie selbst für falsch hält.
Vielleicht muss die politische Mitte deshalb endlich den Mut haben, von den Rändern zu lernen.
Zum Beispiel beim Antisemitismus.
Das klingt zunächst etwas ungewohnt. Aber Politik darf sich Veränderungen nicht verschließen. Der israelische Botschafter Ron Prosor hat nach der Wahl erklärt, das Ergebnis müsse jeden beunruhigen, dem das Fortbestehen jüdischen Lebens in Berlin am Herzen liege. Er spricht von einer „unmittelbaren Existenzgefahr“ für die jüdische Gemeinschaft und davon, dass der Antisemitismus innerhalb der Partei mit ihrem Wahlerfolg eine neue politische Dimension bekommen habe.
Das sind deutliche Worte.
Aber 25,7 Prozent sind ebenfalls deutliche Worte.
Und Politik muss schließlich die Sorgen und Wünsche der Menschen ernst nehmen.
Vielleicht wäre es also an der Zeit, sich nicht länger in moralischen Maximalpositionen einzurichten. Natürlich muss niemand gleich das vollständige Programm übernehmen. Das wäre übertrieben. Aber möglicherweise gibt es auch beim Antisemitismus vernünftige Positionen irgendwo zwischen null und völlig enthemmt.
Man wird doch noch darüber reden dürfen.
Vor allem sollte die politische Mitte aufhören, jeden Menschen sofort auszugrenzen, nur weil er bei Israel vielleicht ein wenig weiter geht, als es der gesellschaftliche Konsens bislang vorsieht. Diese Menschen verschwinden schließlich nicht dadurch, dass wir ihre Positionen ignorieren. Im Gegenteil. Wir treiben sie damit nur weiter in die Arme der Linken.
Das kann niemand wollen.
Es braucht deshalb eine Politik, die zuhört. Die Sorgen aufnimmt. Die nicht von oben herab erklärt, was man sagen darf und was nicht. Wenn Menschen den Eindruck gewonnen haben, dass ihre Ressentiments in den etablierten Parteien keine politische Heimat mehr haben, dann muss Politik sich fragen, warum.
Vielleicht braucht es einen härteren Kurs.
Nicht radikal. Natürlich nicht.
Pragmatisch.
Ein bisschen weniger Israel hier. Ein bisschen mehr Verständnis für diejenigen dort, denen die ganze Sache mit dem jüdischen Leben inzwischen vielleicht etwas zu viel Aufmerksamkeit bekommt. Keine Tabus. Keine Denkverbote. Endlich wieder offen diskutieren.
Man muss die Leute schließlich dort abholen, wo sie stehen.
Die Alternative wäre, ihnen zu erklären, dass bestimmte politische Vorstellungen auch dann falsch bleiben, wenn sehr viele Menschen sie teilen. Dass demokratische Wahlen darüber entscheiden, wer politische Macht erhält, nicht darüber, welche Ressentiments dadurch plötzlich vernünftig werden. Dass eine demokratische Gesellschaft gelegentlich sogar die Zumutung aushalten müsste, einem erfolgreichen politischen Angebot nicht hinterherzulaufen.
Aber das wäre natürlich ziemlich undemokratisch.
25,7 Prozent können schließlich nicht irren.
Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, Antisemitismus reflexhaft den politischen Extremen zu überlassen.
Mehr Antisemitismus wagen!
Aber bitte aus der Mitte.


