Meinung

Und wer denkt an Westdeutschland?

Seit mehr als drei Jahrzehnten hören wir dieselbe Geschichte. Ostdeutschland sei abgehängt. Ostdeutschland sei benachteiligt. Ostdeutschland werde nicht verstanden. Und weil wir im Westen dazu neigen, Klagen mit Wahrheit zu verwechseln, nehmen wir diese Erzählung bis heute weitgehend widerspruchslos hin. Aber wer jammert, hat nicht automatisch recht.

Seit der Wiedervereinigung sind Hunderte Milliarden Euro in den Osten geflossen. Infrastruktur wurde erneuert, Unternehmen gefördert, Kommunen gestützt, Sozialleistungen ausgeschüttet. Generationen westdeutscher Steuerzahler haben erhebliche Lasten getragen. Gleichzeitig entwickelte sich eine politische Kultur, in der jeder Hinweis auf die tatsächlichen Leistungen des Westens als Arroganz ausgelegt wurde.

Doch irgendwann muss eine Gesellschaft den Mut aufbringen, die naheliegende Frage zu stellen: Was genau hat Ostdeutschland aus all diesen Möglichkeiten gemacht?

Statt über diese Frage zu sprechen, reden wir seit Jahren über die nächste Kränkung, die nächste Benachteiligung, die nächste Forderung. Die Klage ist längst zum politischen Geschäftsmodell östlich von Helmstedt geworden. Wer sich als Opfer präsentiert, muss sich nicht mit eigener Verantwortung beschäftigen.

Noch problematischer wird es dort, wo dieses permanente Narrativ den Nährboden für politische Kräfte bildet, die mit Demokratie, Liberalität und westlicher Orientierung nichts anfangen können. In Ostdeutschland präsentieren sich Antidemokraten und Putin-Versteher als angebliche Vertreter einer benachteiligten Bevölkerung. Alle ehemaligen Stasi-Spitzel sind verschwunden. Und anstatt diesen Anspruch entschieden zurückzuweisen, stimmen wir im Westen auch noch zu. Schließlich, so die Logik, müsse das viele Jammern ja irgendeinen Grund haben.

Aber was, wenn das Gegenteil der Fall ist? Was, wenn die ständige Bestätigung von Beschwerden nicht zur Lösung beiträgt, sondern eine Kultur der Unmündigkeit stabilisiert? Wer jede Erklärung im Außen sucht, muss nie nach den eigenen Anteilen fragen. Wer jeden Misserfolg auf andere schiebt, entwickelt keinen Ehrgeiz, ihn zu überwinden.

Währenddessen ist im Westen die Infrastruktur zerbröckelt. Brücken werden gesperrt. Straßen verfallen. Städte kämpfen mit Haushaltssicherungskonzepten. Kommunen streichen Leistungen, verschieben Investitionen und schieben einen gewaltigen Sanierungsstau vor sich her. Auch deshalb, weil über Jahrzehnte immense Mittel anderswo eingesetzt wurden.

Die eigentliche politische Frage lautet deshalb nicht mehr, wie lange Westdeutschland noch Verständnis für Ostdeutschland aufbringen soll. Die Frage lautet, wann endlich wieder über Westdeutschland gesprochen wird. Über jene Regionen, die die wirtschaftliche Kraft dieses Landes aufgebaut haben. Über jene Bürger, die die Wiedervereinigung finanziert haben. Über jene Kommunen, die trotz wachsender Belastungen weiterhin die Hauptlast der deutschen Wertschöpfung tragen.

Vor allem aber über jene Menschen, die sich nach wie vor mehrheitlich zur liberalen Demokratie bekennen. Die ihre politische Zukunft eher in Brüssel, Paris oder Washington sehen als in Moskau. Die nach 1945 aus den Trümmern eines zerstörten und moralisch verkommenen Landes eine funktionierende Demokratie und eine erfolgreiche Volkswirtschaft aufgebaut haben.

Wo stünde Westdeutschland, wenn wir uns um die Demokraten im Westen hätten kümmern dürfen?

Es wird es Zeit, die Perspektive umzudrehen.

Nicht jede Forderung nach Eigenverantwortung ist Unsolidarität. Und nicht jede Klage, jedes Jammern verdient ewige politische Rücksichtnahme. Wer Solidarität dauerhaft einfordert, muss irgendwann auch zeigen, was er mit ihr angefangen hat.

Und wer ständig fragt, wer an Ostdeutschland denkt, sollte vielleicht einmal beantworten, wer eigentlich an Westdeutschland denkt.

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